Luftaufnahme einer Sicheldüne, winzige Menschen auf dem Kamm, dahinter weitere Dünenzüge

Geologie

Wie die Namib entstand

Greif oben auf dem Grat in den Sand und lass ihn durch die Finger laufen. Jedes dieser Körner hat einen Fluss, den Atlantik und ein paar Millionen Jahre hinter sich.

Er ist feiner als Strandsand und läuft schneller aus der Hand. Oben auf der Kante nimmt der Wind ihn sofort mit, eine dünne Fahne, die waagerecht abzieht und ein paar Meter weiter wieder liegen bleibt. Von außen wirkt das wie eine Landschaft ohne Geschichte, ein Haufen Sand in der Sonne. Dabei hat kaum eine andere mehr davon.

Der Weg des Sandes: Fluss, Meer, Wind

Der Sand der jüngeren, beweglichen Dünen stammt fast vollständig aus einem einzigen Fluss, dem Oranje an der Grenze zu Südafrika. Sein Einzugsgebiet misst rund eine Million Quadratkilometer, ein guter Teil davon liegt in der Kalahari. Was dort verwittert, landet irgendwann im Fluss und wird nach Westen geschafft.

Die Mündung des Oranje liegt etwa 250 Kilometer südlich der Namib-Sandsee. Dort übernimmt das Meer. Küstenversatz schiebt das Material Jahr für Jahr nach Norden, und das nicht allein im Flachwasser: Sedimentbewegung wurde noch in 125 Meter Tiefe beobachtet.

Vor der Küste liegt der kalte Benguelastrom, und der ist der Grund, warum aus all dem Wasser fast kein Regen wird. Die Feuchtigkeit bleibt in flachen, dichten Wolkenbänken hängen, als Nebel statt als Niederschlag. Trockene Luft, viel Wind, kaum Bewuchs, der etwas festhalten könnte. Die Brandung wirft den Sand an Land, der Wind nimmt ihn auf und trägt ihn landeinwärts, und dort türmt er sich zu den Dünen auf, die du heute besteigst.

Alter der Wüste
55 bis 80 Mio. Jahreje nach Quelle
Aktives Sandmeer
rund 5 bis 6 Mio. Jahredie beweglichen Dünen
Hauptquelle des Sandes
Oranje, 250 km südlichEinzugsgebiet 1 Mio. km²
Tsauchab
150 km langerreicht den Atlantik nie
Welterbe
seit 2013rund 3,08 Mio. Hektar

Warum der Sand rot ist

Die Körner selbst sind farblos. Es ist Quarz, wie an jedem anderen Strand auch, überzogen von einer hauchdünnen Schicht Eisenoxid, meist Hämatit. Die entsteht, wenn eisenhaltige Gesteinsbruchstücke im Sand verwittern. Rot ist also nicht der Sand, sondern sein Rostfilm.

Fast überall liest man dazu den Zusatz, je älter ein Korn sei, desto röter werde es, und die Dünen tief im Landesinneren seien deshalb dunkler als die an der Küste. Plausibel klingt das durchaus. Belegen lässt es sich schlecht: Die Behauptung steht in populärwissenschaftlichen Sekundärquellen, eine Untersuchung mit Messwerten dazu haben wir nicht gefunden. Nimm sie als Faustregel, nicht als Tatsache.

Wie alt die Wüste ist, und warum die Zahlen auseinandergehen

Die deutsche Wikipedia nennt rund 80 Millionen Jahre und die Namib damit die älteste Wüste der Welt. Die englische Fassung formuliert vorsichtiger: seit etwa 55 bis 80 Millionen Jahren herrschten hier aride bis semiaride Bedingungen, deshalb sei die Namib möglicherweise die älteste Wüste der Welt. Die Spanne ist die ehrlichere Angabe. Niemand kann den Tag benennen, an dem eine Wüste anfängt.

Vom Alter der Wüste zu trennen ist das Alter des Sandes, der vor dir liegt. Unter den beweglichen Dünen steckt ein älteres, teilweise verfestigtes System, die Tsondab-Sandstein-Formation. Deren Alter wird mit mindestens 18 bis 19 Millionen Jahren angegeben, andere Quellen datieren die Ablagerung auf 15 bis 18 Millionen Jahre. Genau ist das nicht.

Das Ganze ist der Rest einer fossilen Sandwüste von etwa 200 Metern Mächtigkeit, die vor rund 20 Millionen Jahren große Teile Namibias bedeckte. Darüber liegt das lose Sandmeer. Mit fünf bis sechs Millionen Jahren ist es vergleichsweise jung. Für Düne 45 wird der Sand ausdrücklich auf fünf Millionen Jahre datiert. Zwei Systeme also, eines im anderen, und die UNESCO führt genau das als Besonderheit des Gebiets.

Sicheldünen, Längsdünen, Sterndünen

Welche Form eine Düne annimmt, hängt vor allem davon ab, aus wie vielen Richtungen der Wind kommt.

Die berühmten Dünen bei Sossusvlei sind Sterndünen, für Düne 45 ist das ausdrücklich belegt. Der Wind schiebt sie nicht, er baut sie von mehreren Seiten in die Höhe. Deshalb steht Düne 45 seit Jahrzehnten am Kilometer 45 der Straße und nicht ein Stück weiter.

Wie schnell die wandernden Barchane sind, ist dagegen offen. Die englische Wikipedia nennt für manche Gebiete bis zu 1.000 Meter im Jahr, GeoExpro spricht von über 60 Metern jährlich bei starkem, einseitigem Wind und knappem Sandangebot. Dazwischen liegt mehr als der Faktor zehn. Keine der beiden Quellen sagt genau, für welche Dünen die Zahl gelten soll, deshalb steht hier keine.

Der Tsauchab, ein Fluss, der fast nie ankommt

Der Tsauchab entspringt an der Südseite der Naukluftberge und ist 150 Kilometer lang. Nach 80 Kilometern durchschneidet er den Sesriem Canyon, bis zu 30 Meter tief in verfestigten Untergrund. Danach läuft er auf die Sandsee zu. Anzukommen schafft er selten.

Er ist ein ephemerer Fluss, führt also nur nach Regen Wasser und versickert oder verdunstet im Sand, lange bevor er die Küste sieht. Von seinem Ende wären es noch 52 Kilometer Luftlinie bis zum Atlantik. Der Grund liegt im Einzugsgebiet: nur auf 60 Prozent seiner Fläche fallen im Jahresmittel mehr als 100 Millimeter Regen.

Als Faustregel heißt es, etwa einmal in zehn Jahren erreicht der Fluss die Pfanne von Sossusvlei und macht aus dem rissigen Lehm einen See. Belegt sind unter anderem 1997, 2000 und 2006, dazu der Februar 2011, als Sossusvlei durch das Hochwasser von der Außenwelt abgeschnitten war, und der März 2022. Wie lange das Wasser dann steht, geben die Quellen sehr unterschiedlich an. Sossusvlei.com schreibt, nach vier Wochen sei alles vorbei, die deutsche Wikipedia nennt für starke Fluten bis zu 18 Monate. Für 1997 ist ein ganzes Jahr mit Wasser überliefert.

Wasserfläche in der Pfanne von Sossusvlei vor roten Dünen, grüne Bäume am Ufer
Der Ausnahmefall: Der Tsauchab hat es bis in die Pfanne geschafft. Nach der Faustregel passiert das etwa einmal in zehn Jahren.

Wie eine Vlei entsteht

Vlei ist Afrikaans und meint eine flache Senke, die zeitweise Wasser hält. Der Name Sossusvlei heißt sinngemäß Sackgassen-Sumpf, denn sossus kommt aus dem Nama und steht für kein Zurück. Treffender lässt sich der Ort kaum benennen.

Wenn der Tsauchab die Sandsee erreicht, bremst ihn der Sand. Das Wasser breitet sich flach aus, steht, verdunstet und lässt seine Fracht liegen: feinen Ton, Schluff und gelösten Kalk. Schicht auf Schicht wird daraus der harte, helle Boden, der beim Trocknen zu Platten aufreißt. Und weil diese Ablagerungen den Fluss mit der Zeit selbst umlenken, wurde Deadvlei irgendwann vom Hauptlauf abgeschnitten.

Unter der Oberfläche liegt eine dicke Kalkkruste. Diese Kruste ist der Grund, warum auf der Pfanne nichts mehr wächst, denn selbst tiefe Wurzeln kommen durch diese Schicht nicht mehr an das Grundwasser. Wo am Rand trotzdem grüne Kameldornbäume stehen, reicht das Wasser unter dem Sand also noch. Die toten Bäume im Deadvlei stehen nach Jahrhunderten immer noch, weil es zum Verrotten schlicht zu trocken ist.

Weite Lehmpfanne mit Trockenrissen, drei kleine tote Bäume, dahinter ein Dünenzug
Ton, Schluff und Kalk in Schichten: der Boden einer Vlei, wenn das Wasser Jahre zurückliegt.

Welterbe seit 2013

Seit 2013 steht das Namib-Sandmeer auf der Welterbeliste der UNESCO, beschlossen auf der 37. Sitzung des Komitees. Über das genaue Datum sind sich die Quellen nicht einig, genannt werden der 20. und der 21. Juni 2013. Das Gebiet umfasst rund 3.077.700 Hektar, also gut 31.000 Quadratkilometer, dazu eine Pufferzone von etwa 9.000 Quadratkilometern.

Eingetragen ist es unter allen vier Naturkriterien, vii bis x. Ausschlaggebend war unter anderem das Nebeneinander zweier Dünensysteme, des älteren, teilweise verfestigten und des jüngeren, aktiven darüber. Abgedeckt sind damit Landschaftsbild, Erdgeschichte, ökologische Prozesse und Artenvielfalt.

Was du davon im Gelände wiedererkennst

Unser TippFrag am Sesriem-Tor nach, wann der Tsauchab zuletzt bis in die Pfanne durchkam. Nach starkem Regen im Februar oder März steht das Wasser manchmal wochenlang, und Sossusvlei sieht dann anders aus als auf jedem Foto, das du vorher gesehen hast.

Häufige Fragen zur Entstehung der Namib

Warum ist der Sand in Sossusvlei rot?

Der Sand in Sossusvlei besteht aus Quarzkörnern mit einem hauchdünnen Überzug aus Eisenoxid, meist Hämatit. Der Überzug entsteht, wenn eisenhaltige Gesteinsbruchstücke im Sand verwittern. Die verbreitete Regel, je älter ein Korn sei, desto röter werde es, stammt aus populärwissenschaftlichen Quellen und ist durch keine Studie belegt.

Wie alt sind die Dünen der Namib?

Die Namib gilt als möglicherweise älteste Wüste der Welt: Die englische Wikipedia nennt 55 bis 80 Millionen Jahre mit ariden bis semiariden Bedingungen, die deutsche rund 80 Millionen Jahre. Das lose Sandmeer darüber, also die Dünen, die man bei Sossusvlei besteigt, ist mit etwa fünf bis sechs Millionen Jahren viel jünger.

Woher kommt der Sand der Namib?

Der Sand der Namib-Sandsee stammt überwiegend aus dem Oranje, dessen Mündung rund 250 Kilometer südlich der Sandsee liegt. Küstenversatz trägt das Material nach Norden, die Brandung wirft es an Land, und der Wind schafft es von dort ins Landesinnere.

Wie oft steht Wasser in der Pfanne von Sossusvlei?

Als Faustregel gilt, dass der Tsauchab die Pfanne von Sossusvlei etwa einmal in zehn Jahren erreicht. Belegt sind unter anderem 1997, 2000, 2006, der Februar 2011 und der März 2022. Wie lange das Wasser bleibt, geben die Quellen sehr unterschiedlich an, von vier Wochen bis zu 18 Monaten.

Warum wandern die großen Dünen bei Sossusvlei nicht?

Die großen Dünen bei Sossusvlei sind Sterndünen. Wind aus drei oder mehr Richtungen baut sie in die Höhe, statt sie in eine Richtung zu schieben, deshalb gelten sie als besonders ortsfest. Sicheldünen näher an der Küste entstehen bei einer dominanten Windrichtung und wandern nach Norden.